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24.10.2010: Landschaftsschutz ade - Willkommen in Miesham

Bund Naturschutz verurteilt den hemmungslosen Landschaftsverbrauch der Stadt Miesbach

Während Umweltminister Söder noch am Vormittag den Landschaftsverbrauch als eine der wichtigsten Ursachen für das Scheitern der Bayerischen Biodiversitätsstrategie anprangerte, beschloss der Kreistag am Nachmittag mit überwältigender Mehrheit die Herausnahme von weiteren 3,5 ha aus dem Landschaftsschutzgebiet "Egartenlandschaft um Miesbach", um die Auslagerung des Zuchtviehverbands für oberbayerisches Fleckvieh nach Straß zu ermöglichen. Die Kreisgruppe Miesbach des Bund Naturschutz in Bayern sieht darin eine gravierende Fehlentscheidung in der Bauentwicklung mit weitreichenden Folgewirkungen für Natur und Landschaft. So wird entlang der B 307 zwischen Miesbach und Hausham innerhalb kürzester Zeit eine weitgehend geschlossene Bebauung geschaffen, weil auf Haushamer Gebiet gleichzeitig privilegierte Bauvorhaben umgesetzt werden. Das Landschaftsbild wird hierdurch massiv beeinträchtigt. Durch die zu knappe Anbindung des Verkehrs aus Richtung Bad Tölz entsteht zusätzlich eine unfallträchtige Gefahrenstelle. Schließlich führen gleichzeitig geplante Hochwasserschutzmaßnahmen am Miesbach zu einer völligen Umgestaltung der Landschaft, vernichten wertvolle landwirtschaftliche Flächen und ebnen den Weg für ein Zusammenwachsen von Miesbach und Hausham.

Der Landschaftsschutz wird bei uns mit Füßen getreten. Dabei ist gerade die kulturhistorisch bedeutsame Egartenlandschaft mit ihrem Wechselspiel von Grünlandparzellen und Hagen Grundlage einer reichen Artenvielfalt und daher von besonderem Erhaltungswert. Schließlich profitiert auch der gesamte Landkreis von den Touristen und Ausflüglern, die gerade wegen der Eigenart und Schönheit der Landschaft hier her kommen. Spätestens, wenn der Münchner die Stadt Miesbach hinter sich gelassen hat, eröffnet sich ihm zwischen Stadlberg und Huberspitz das gesamte Alpenpanorama, das Alltagsstress und Sorgen vergessen lässt. Das wird sich zwischen Miesbach und Hausham grundlegend ändern.

Während das seit 1955 bestehende Landschaftsschutzgebiet "Egartenlandschaft um Miesbach" fast 35 Jahre lang unangetastet blieb, wurden in den letzten 21 Jahren insgesamt 77,6 ha herausgenommen und bebaut. Spitzenreiter ist dabei mit 35,4 ha (fast 46%) die Stadt Miesbach; diese vernichtete damit eine fast ebenso große Fläche des LSG wie der gesamte restliche Landkreis. Den Einheimischen kam dies allerdings am wenigsten zu Gute, denn nur knapp 17 % davon entfallen auf Wohnbebauung. Dagegen wurden allein um Miesbach fast 30 ha für Gewerbeansiedlungen aus dem Schutzgebiet genommen. Das Siedlungsbild hat sich völlig verändert. Wo einst Bauerngärten und Gehölze den Ortsrand prägten wuchern nun Gewerbebunker.

Die Umsiedlung des Zuchtviehverbands nach Straß verleiht dem ungehemmten Landschaftsverbrauch jedoch eine neue Qualität. Denn wenn bisher noch von einer Erweiterung bestehender Siedlungsflächen gesprochen werden konnte, wird dieses Vorhaben auf der "grünen Wiese" am äußersten Rand der Stadt Miesbach umgesetzt und schafft somit Ansatzpunkte für weitere Bautätigkeiten. Zwischen der großzügigen Herausnahme von 12 ha für den Bau des Kreiskrankenhauses im Jahr 1994 und der für den Zuchtviehverband vorgesehenen Fläche blieb nur ein kleiner Riegel innerhalb des Landschaftsschutzgebiets. Gerade dieser wird derzeit in einem privilegierten Bauvorhaben mit einem überdimensionierten Hühnerstall zugebaut, dem möglicherweise nach Süden zu weitere Gebäude folgen werden. Alles ganz legal und genehmigt.

Doch damit nicht genug: Um alte Bausünden im Ortsbereich von Kleinthal zu kaschieren, ist gleichzeitig ein Hochwasserrückhaltebecken zwischen B 307 und Stadlberg geplant, in dem 85.000 Kubikmeter Wasser angestaut werden können, um den Ortsteil Kleinthal vor vollgelaufenen Kellern zu schützen. Möglich wird dies durch einen gewaltigen Deich, der auf weiten Abschnitten mehrere Meter hoch wird. Allein durch den Deich werden weitere 1,7 ha im LSG "überbaut", ganz zu schweigen von dem Werteverlust landwirtschaftlicher Flächen innerhalb der Deichanlage. Wenn hier einmal ein Anstau stattfindet, was ja bei uns v.a. in den Sommermonaten der Fall sein dürfte, wird man die Wiesen nicht mehr wiedererkennen. Für die landwirtschaftliche Nutzung, die untrennbar mit der Egartenlandschaft verbunden ist, werden diese Flächen unattraktiv.

Doch auch hier gibt es eine Lösung: Denn ein Teil dieser Hochwasserschutzzone ist bereits mit Parkplätzen für die neue Zuchtviehhalle überplant. Der Deich selbst, der mitten durch das Gelände des Zuchtviehverbands führt, soll in die Bebauung "integriert" werden. Sinn und Zweck der Hochwasserschutzmaßnahme werden dabei von vorn herein unterlaufen.

Durch den Hochwasserdeich ergibt sich ein weiterer gewinnträchtiger Nebeneffekt: Außerdeichs, d.h. nördlich des Damms könnte weiteres Bauland entstehen und neu geschaffene Bebauungslücken geschlossen werden. Zwar bestehen hier noch keine konkreten Planungen, jedoch will selbst die Stadt Miesbach dieses Szenario nicht vollkommen ausschließen.

Noch ungeklärt ist auch die Verkehrsanbindung der neuen Zuchtviehhalle, auch wenn im inzwischen laufenden Bauleitplanverfahren behauptet wird, dass die Verschiebung des geplanten Standorts nach Süden eine bessere Verkehrsanbindung ermöglichen würde. Die Anbindung der B 472 von Bad Tölz muss wohl verkürzt werden, um ein Überwechseln der Fahrzeuge über die B 307 zu ermöglichen. Dadurch entstehen neue Staupunkte und Gefahrenquellen, die sich nur durch weiteren Landschaftsverbrauch beseitigen lassen.

Es handelt sich also nicht "nur" um einen kleinen, hinnehmbaren Flächenverlust in einem großen Landschaftsschutzgebiet. Mit der Aussiedlung des Zuchtviehverbands nach Straß an den äußersten Rand des Stadtgebiets wird eine verantwortungslose Entwicklung eingeläutet, die zu einer nachhaltigen Qualitätsminderung und Zersiedlung der Landschaft führt. Sollte Herr Minister Söder auch im Jahr 2020 seine Ziele zur Erhaltung der Biodiversität nicht erreicht haben, bietet sich um Miesbach ein breites Terrain zur Ursachenforschung. Und mancher Wochenendausflügler wird sich gut überlegen, ob er stundenlange Staus in zersiedelter Landschaft auf sich nehmen mag oder nicht doch lieber ein paar Autobahnkilometer weiter Richtung Süden fährt.